2020

Author

  • Florian Busch

Language

German

Wohnen in Tokio

Tokio erinnert uns indessen daran, dass das Rationale lediglich ein System unter vielen ist.
—Roland Barthes

Wo von vornherein niemand mit Permanenz rechnet, kann ausprobiert werden. Seit ihren Anfängen entwickelt sich die heutige Hauptstadt Japans in schnellen Zyklen von Zerstörung und Neubau. Die extreme Kurzlebigkeit alles Gebauten hat zu einem heterogenen Spannungsfeld geführt, in dem sich städtebaulicher und gesellschaftlicher Wandel gegenseitig vorantreiben.
Unter allen Gebäudetypen Tokios ist der vielleicht aufschlussreichste Spiegel dieses Wandels der Wohnbau. Sowohl vom Maßstab — S, M und L sind gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet verteilt — als auch vom Inhalt zeigt sich hier ein ziemlich ehrliches Bild der Gesellschaft: Tokios Wohnviertel sind beinahe ausschließlich vom Pragmatismus der verlässlich auf Bewährtes setzenden Big Corporations geprägt. Dennoch gibt es überall mitten in der Stadt eine scheinbar unerschöpfliche Quelle an Gelegenheiten für Experimente.

EXPERIMENT & PRAGMATISMUS

Von den meisten der rund 650 U- und S-Bahnhöfe Tokios sind es nur zwei bis drei Gehminuten, bis man in einem Geflecht dörflich ruhiger Gassen verschwindet, die sich zwischen kleinen, eng aneinander stehenden Häusern ziehen. Hier geht es (meist) nicht um Idylle, sondern um eine seit Jahrhunderten kontinuierliche Entwicklung zwischen Tradition, Freiheit und Notwendigkeit. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häuser von 26 Jahren erlaubt es, die nächste Generation nicht in ein Korsett heutiger Vorstellungen zu zwängen. Um jedoch trotz bester Lage bezahlbar zu bleiben, werden Nischen gesucht und Ansprüche neu definiert. Von Grundstückspreisen und Erbschaftssteuer zerstückelt, führen stetig kleiner werdende Parzellen immer wieder zu jenen wunderschönen Extremen, die oft in internationalen Veröffentlichungen mit Kopfschütteln bewundert werden. Trotz dieser Möglichkeiten für eine Evolution der Architektur im Fast-Forward-Modus ist der Markt des Einfamilienhauses weitestgehend in der Hand weniger großer Fertigbaufirmen, deren Geschäftsmodell nicht auf Experimenten, sondern auf behutsamer Fortentwicklung eines schnell fertigzustellenden und leicht zu entsorgenden Bausystems basiert.

VERDICHTEN

Viele Gebiete mit diesen hauptsächlich aus Holz gebauten Häusern sind ein Dorn im Auge der Stadtplaner. Ein Grund dafür sind die zahlreichen Katastrophen, die die Stadt seit ihrer Gründung heimgesucht haben: Gerade in diesen unkontrollierbaren Teilen städtischen Klein-Kleins haben Brände und Erdbeben immer wieder zu großen Verlusten geführt. Ein weiterer, vielleicht noch entscheidenderer, ist das vergeudete Potenzial an Dichte. Immer wieder versucht die Regierung, die kleinen Häuser durch größere Komplexe zu ersetzen.
Obwohl die Zahl freistehender Einfamilienhäuser nach kurzem Rückgang in den 80er-Jahren stetig auf derzeit rund 1,9 Millionen gestiegen ist, sank ihr Anteil an der Gesamtwohnfläche Tokios von über 50% in den 70er-Jahren auf heute knapp 30%. Dieser Rückgang geht Hand in Hand mit sich ändernden sozialen Strukturen: Die Kernfamilie löst sich sowohl von unten —Familiengründungen gehen stark zurück— als auch von oben —ältere Menschen nehmen vermehrt das steigende Angebot “altersgerechter” Wohnformen wahr— in Richtung Individualisierung in Mittel- bis Großprojekten auf.

MAXIMIEREN

Als ob sie die Stadtentwicklung durch das Drehen an einem Ventil regulieren wollten, reagieren Stadt und Staat immer wieder mit neuen Vorschriften und Gesetzen auf die sich rapide wandelnde Realität. Für das 20. Jahrhundert am folgenreichsten ist der Wechsel von einer Begrenzung der Gebäudehöhe zu einer der Brutto-Grundfläche. Technische Entwicklung und politischer Wille beenden 1963 die Höhenbeschränkung von 31m für Gebäude. Der Weg in die Höhe ist frei für eine neue Dimension, die nur ein Ziel kennt: Maximierung.
Die Wirtschaftsblase, an deren Ende 1991 die Marktkapitalisierung japanischer Unternehmen die jener der gesamten restlichen Welt übersteigt, verändert Tokios Stadtstruktur langfristig prägender als alles zuvor. Große Gebiete der Stadt werden systematisch aufgekauft. Aus kleinen Wohnhäusern werden Büroturm-Cluster. Stadt und Staat schreiten in immer kürzeren Abständen mit Vorschriften und Gesetzen ein, um dem unfreiwilligen Exodus der Bewohner entgegenzusteuern. 1985 wird bei Neubauten der Nachweis von hohen Wohnungsanteilen Pflicht; 2002 und 2013 werden Sondergebiete definiert, um die von den Finanzkrisen getroffenen Stadtzentren zu stimulieren. 2018 wird es möglich, die Brutto-Grundfläche um zusätzliche 300% der Grundstücksfläche zu erweitern, wenn es sich dabei um Wohnfläche handelt. Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Die Bevölkerung in den Zentren Tokios nimmt zu. Doch fast immer folgt dabei ein so drastischer Preisanstieg, dass die ursprüngliche Bewohnerschaft von einer wohlhabenderen ersetzt wird.
1986 beginnt Mori Building, über 400 Grundstücke im Herzen Roppongis aufzukaufen. 34 Jahre später verdeutlicht die Präsenz von Roppongi Hills, wie nachhaltig immer größere Teile Tokios in starre Formen gepresst werden. 2003, nach dreijähriger Bauzeit, sind aus 500 kleinen Haushalten 700000m2 “Multifunktion auf Sockel” geworden. Roppongi Hills ist Vorbote eines Trends, der Tokio über weite Teile des 21. Jahrhunderts verändern wird. Ein fatales Gespann aus viel Geld und wenig Sinn verdammt riesige Areale der Stadt zu einer Zukunft vertikaler Abschottung.

VIELFALT

Die 2017 von der Regierung veröffentlichte Zukunftsstrategie Grand Design der Stadtentwicklung beschreibt Tokio 2040 als emissionsfreie High-Tech-Stadt aus vielen vernetzten, aber von großen Grüngebieten umgebenen Zentren, in denen alles Wesentliche des Alltags fußläufig erreichbar ist. 2020, in der Zeit des Social Distancing, haben solche Ziele eine zusätzliche Bedeutung bekommen.
Langfristig zielt die Strategie aber auf eine andere Herausforderung: Prognosen sehen den Bevölkerungshöchststand 2025 erreicht. Bis 2100 soll sich die Bevölkerung fast halbiert haben, die Hälfte davon wiederum über 65 Jahre alt sein. Nach vier Jahrhunderten “Neuem nach Zerstörung” heißt Neubeginn jetzt zum ersten Mal nicht mehr ausschließlich Neu-, sondern verstärkt Rück- und Umbau.
In den kommenden Jahrzehnten wird es zum vielleicht größten Wandel in der Geschichte Tokios kommen. Besser vorbereitet könnte eine Stadt kaum sein: Die seit 400 Jahren erworbene Fähigkeit, schnell auf sich immer wieder ändernde Umstände zu reagieren, und die schiere Masse machen Tokio zu einem Nährboden für eine sonst kaum zu findende Vielfalt an dem, was Stadt sein kann.
FB


Quellen:

東京都の統計
“Statistiken Tokios”
www.toukei.metro.tokyo.lg.jp

都市づくりのグランドデザイン: 東京の未来を創ろう
“Grand Design der Stadtentwicklung: Die Zukunft Tokios entwerfen”
www.toshiseibi.metro.tokyo.lg.jp